Bekennerbrief (Rohtext)
Ich gehe also diesen Weg entlang. Manche würden vielleicht behaupten, ich ginge diesen Weg hinab. Ich nicht. Ich interessiere mich nur für die Bäume an den Seiten, Kastanien. Ich habe immer versucht, realistisch zu sein. Versteht Ihr, was das heißt? Realistisch? Es ist nicht das, was sie uns in der Schule beigebracht haben. Realistisch, das ist: sich keine Illusionen machen, die Brille absetzen, aus der Höhle kriechen. Realistisch, das ist. E=mc². So, ider in etwa so haben sie es uns beigebracht. Realität, das ist ein gerader Stich von links oben nach rechts unten, der die falschen Wörter durchkreuzt.
Irgendwann kam dann einer, sagte Koch, sagte Fraktal und wir begriffen: fraktal ist die Realität ist D ist - lim von R gegen Null log(N)/log(R) ist 1,2618595…ist fraktal.
Das Studium warf uns ‘antiessentialistischer Nominalismus’ an den Kopf, auf die Fragebögen und ins Bewusstsein: Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben. Die Brille müssen wir trotzdem absetzen, uns vektoriell einer immer genaueren Realität erschaffen von dem, was wir beschreiben.
Vektoriell also nähere ich mich den Bäumen: Kastanien am 14. Oktober, 17:31:08, etwa 48% Belaubung…
Ich nehme also die Brille ab und nähere mich vektoriell: Die Blätter sind bronzen +/- braunorange und ich versuche, mir die Frequenz des Lichts in Erinnerung zu rufen. Aber ich sehe nur das statische Oszillieren einer grünen Sinuskurve auf meinem Bildschirm daheim.
Ich verwerfe also die Illusionen, klettere aus der Höhle und nähere mich vektoriell: Kinder spielen im Blätterhaufen unter dem Baum, werfen mit Kastanien, lachen, kreischen, weinen. Sie wirken glücklich. Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben - und Platon ein priesterlicher Epileptiker. Versteht Ihr, was ich meine?
Nein. Ihr versteht nicht, was ich meine. Ihr versteht es nicht. Sonst würdet ihr nicht diese Zeitungen lesen, diese Kanäle sehen. Diese Realitäten von euch! Könnt ihr es denn nicht begreifen: Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben. Was WIR an ihnen beschreiben! Hört ihr? Wir! Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben, die Welt ist plural ist Welten ist ein Vektorennebel!
Nein. Ihr hört es nicht. Sonst würdet ihr nicht diese Zeitungen lesen, diese Kanäle sehen, diese Politik wählen. Ihr hört es einfach nicht. Eure Welten sind Gefängnisse mit Gitterstäben aus Seite-3-Frauen und Plasmabildschirmen, die euch nur zeigen, was ihr ohnehin schon seht. Kein Vektor, kein Versuch, dem platonischen Verlies zu entkommen, die Brille abzusetzen. Seht ihr euch denn nicht in euren Pĺasmaspiegeln?!
Nein. ihr seht euch nicht. Hört euch nicht. ihr…ihr selbstgefälligen…! ihr…müsst doch die Toleranz verstehen!
Ja. Ja, ihr müsst verstehen! Eure toleranzlosen Welten zerstören die Welt und wir haben doch nur diese eine! Ich habe lange genug, es euch zu erklären aber ich habe noch keinen von euch zuhören gesehen. ihr habt es nicht hören wollen. Vielleicht war ich auch zu leise gegen das Gemurmel und Geraschel eurer Mauern. Zu leise gegen eure Mauern. Es kann nur so sein, dass ich zu leise war, sie nicht durchkreuzen konnte. Wenn ihr mir nur zuhören würdet, würdet ihr erkennen, das es richtig ist.
Ja. Ich bin Pazifist, war es schon immer. Ein denkender Mensch muss die Konsequenzen ziehen. Es ist zu laut um euch. Es ist zu leise um die Wahrheit. Die Wahrheit wird nicht gehört. Aber in dem kurzen Moment der Stille, in den Momenten nach der Explosion, werdet ihr sie hören: ihr müsst tolerant sein!