vordichtung

vorblogs's thesblog
#literature #philosophy #culture

written on: 23. Juni 2009

in category: Allgemein, Werther

Morgen beginnen die Prüfungen und ich bin in dieser anderen Welt gefesselt. In dieser Welt und an Martin, der letzte Woche ja bereits zwei Prüfungen geschrieben hat. Ich hab das Gefühl, er geht außer zur Uni gar nicht mehr außer Haus. Darum besuch ich ihn jetzt oft dort, was den Nachteil hat, dass seine beiden Mitbewohnerinnen die ganze Zeit da sind und auch, wenn wir in seinem Zimmer allein sind, sind die beiden doch immer…präsent :( Vor allem lernt er ja die ganze Zeit mit Anna. Es ist ja nicht so, als ob er mit seinem Studium oder mit Anna verheiratet wäre! Schließlich ist er mein Freund!

Aber genug davon! Ich hab das Gefühl, zu wenig für Medienökonomie gelernt zu haben. Und das nur, wegen diesem Werther! Die Leute starren mich eh schon die ganze Zeit an, warum ich mit diesem rotgoldenen Bärentöter durch die Gegend laufe - vermutlich glauben sie, ich sei eine fanatische Islamistin, die sich mit konstanten Koranversen die westlichen Teufel vom Leib halten will! Diese Leute mit ihrem Schubladendenken, die sich vor dieser Vielfalt des Besonderen, des Einzelnen, vor dieser chaotischen Wirklichkeit der Momente  in vorgefertigte Systeme retten, nein verkriechen! In Konventionen der Dummheit! Und ergeht es nicht Werther ebenso?! Und Lotte, die ihn liebt aber einem anderen versprochen ist? Und warum? Weil ihre sterbende Mutter blind den Konventionen folgt, Lotte entmündigt, ihr das Recht auf Selbstbestimmung, auf Menschlichkeit abspricht! Das zweite Buch beginnt, genau ein Monat und 10 Tage später -  bei uns wird die Trennung wohl keine zwei Wochen sein. Lang genug!
Werther ist geflohn aber ich weiß ja, dass es nicht halten wird. Dieses Intermezzo lese ich wie in Tranceeingräuen! -vordichtung 04.08.09 13:03 , weiß nicht so genau, was geschieht, mache mir aber auch keine Mühe zu verstehen. Warum er diese Briefe eingeschoben hat, verstehe ich nicht. Aber vielleicht ist das das Mannichfaltige? Weil das Leben nicht linear verläuft? Die Wege des Lebens sind unergründlich. Aber es ist natürlich das Richtige. Ich bewundere Werther (und zwar nicht, weil er eigentlich ich ist - Eigenlob stinkt, nicht?): Obwohl er ihm seine Frau wegnimmt, freundet er sich mit Albert an, wie großherzig muss er sein! Und doch: hält er damit nicht diese Dreiecksbeziehung am Leben? Diese destruktive menage a troi (wer wüsste denn nicht, wie Werther zuletzt an gebrochenem Herzen und Kugel im Kopf stirbt!?). Und es stimmt ja wirklich! Es ist ja wirklich so! Goethe selbst hat sich ja in diese Frau verliebt, die einen anderen geheiratet hat. Und die beiden waren ja auch befreundet! Das ist es, die Schriftstellerei, die Freiheit der Dichter: Sich selbst schreiben können!
Manchmal frage ich mich, ob ich nicht dasselbe mache. Ich meine natürlich die menage a troi, dass ich mit Anna angefreundet habe, mit Anna, die versucht, mir meinen Freund auszuspannen. Das ist natürlich nur Theorie, ich mein das nicht ernst. Nur manchmal frag ich mich, ob es nicht so ist, ob sie es nicht vielleicht tatsächlich versucht und ich es nur nicht bemerken will. Und dass diese Freundschaft, diese bon ménage tatsächlich mal, mauvais ménage ist?

written by: Stefanie

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