vordichtung

vorblogs's thesblog
#literature #philosophy #culture

Wie weinen Schneeflocken?
— Mariella (aus Rote Fäußtlinge [sic!])

Urban: (un)leserliches Gekritzel

Urban: “Und wie könnten wir glücklich sein, wenn uns Freud und die ganzen Literaturen ständig sagen, es könne so etwas wie Glück nicht geben?” “Ich, für meinen Teil, habe ihnen - wie sagt ihr? - den Rücken gekehrt - ? - ; klug waren sie ja vielleicht, deswegen recht hatten sie wohl nicht.”

(un)leserliches Gekritzel auf vorblog

Rote Fäußtlinge - ein Fragment

Hallo, Schneeflocke! Siehst du meine neuen Handschuhe? Siehst du, wie rot sie sind? So rot, wie Mamas Lippen am Abend. Und Papa meint, Mamas Lippen färben ab. Das Mädchen mit den roten Fäustlingen befand sich gerade am halben Weg zwischen zu Hause und dem Bus. Es war 8 Uhr 43. Es schneite. Der Schnee war ein einförmiger Schleier. Das Mädchen bemerkte einzig und allein Schneeflocke. Und auch das nur, weil Schneeflocke direkt auf ihren neuen Fäustling gefallen war. Rechts. Hallo, Schneeflocke! Siehst du meine neuen Handschuhe? Siehst du, wie schön rot sie sind? Sie begann zu singen: Rot, rot, rot, ist meine Lieblingsfarbe; rot, rot, rot ist meine Lieblingsfarbe; rot, rot, rot ist alles was ich habe! Darum lieb ich alles, was rot ist, weil mein Schatz ein Fliegenpilz ja ist. Sie hält inne. Schwarz, schwarz, schwarz ist meine Lieblingsfarbe; schwarz, schwarz, schwarz ist alles, was ich habe. Darum lieb ich alles, was schwarz ist, weil mein Schatz ein Totengräber ist. Sie bricht ab. Und was ist deine Lieblingsfarbe, Schneeflocke? Sie ist fröhlich.

my tears are
stained
with letters

and the bleeding trees
sing me a song:

their drops of blood
on my shoulder
wither

Wünsche

gekleidet in Wimpern
aufwachen
in einem Traum

du hauchst: es ist heiß,
bleib!

wie aufwachen aus einem buch
— Martin
Bäume wie Geister
— Martin

Bekennerbrief (Rohtext)

Ich gehe also diesen Weg entlang. Manche würden vielleicht behaupten, ich ginge diesen Weg hinab. Ich nicht. Ich interessiere mich nur für die Bäume an den Seiten, Kastanien. Ich habe immer versucht, realistisch zu sein. Versteht Ihr, was das heißt? Realistisch? Es ist nicht das, was sie uns in der Schule beigebracht haben. Realistisch, das ist: sich keine Illusionen machen, die Brille absetzen, aus der Höhle kriechen. Realistisch, das ist. E=mc². So, ider in etwa so haben sie es uns beigebracht. Realität, das ist ein gerader Stich von links oben nach rechts unten, der die falschen Wörter durchkreuzt.
Irgendwann kam dann einer, sagte Koch, sagte Fraktal und wir begriffen: fraktal ist die Realität ist D ist - lim von R gegen Null log(N)/log(R) ist 1,2618595…ist fraktal.
Das Studium warf uns ‘antiessentialistischer Nominalismus’ an den Kopf, auf die Fragebögen und ins Bewusstsein: Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben. Die Brille müssen wir trotzdem absetzen, uns vektoriell einer immer genaueren Realität erschaffen von dem, was wir beschreiben.
Vektoriell also nähere ich mich den Bäumen: Kastanien am 14. Oktober, 17:31:08, etwa 48% Belaubung…
Ich nehme also die Brille ab und nähere mich vektoriell: Die Blätter sind bronzen +/- braunorange und ich versuche, mir die Frequenz des Lichts in Erinnerung zu rufen. Aber ich sehe nur das statische Oszillieren einer grünen Sinuskurve auf meinem Bildschirm daheim.
Ich verwerfe also die Illusionen, klettere aus der Höhle und nähere mich vektoriell: Kinder spielen im Blätterhaufen unter dem Baum, werfen mit Kastanien, lachen, kreischen, weinen. Sie wirken glücklich. Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben - und Platon ein priesterlicher Epileptiker. Versteht Ihr, was ich meine?

Nein. Ihr versteht nicht, was ich meine. Ihr versteht es nicht. Sonst würdet ihr nicht diese Zeitungen lesen, diese Kanäle sehen. Diese Realitäten von euch! Könnt ihr es denn nicht begreifen: Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben. Was WIR an ihnen beschreiben! Hört ihr? Wir! Die Dinge sind, was wir an ihnen beschreiben, die Welt ist plural ist Welten ist ein Vektorennebel!

Nein. Ihr hört es nicht. Sonst würdet ihr nicht diese Zeitungen lesen, diese Kanäle sehen, diese Politik wählen. Ihr hört es einfach nicht. Eure Welten sind Gefängnisse mit Gitterstäben aus Seite-3-Frauen und Plasmabildschirmen, die euch nur zeigen, was ihr ohnehin schon seht. Kein Vektor, kein Versuch, dem platonischen Verlies zu entkommen, die Brille abzusetzen. Seht ihr euch denn nicht in euren Pĺasmaspiegeln?!

Nein. ihr seht euch nicht. Hört euch nicht. ihr…ihr selbstgefälligen…! ihr…müsst doch die Toleranz verstehen!

Ja. Ja, ihr müsst verstehen! Eure toleranzlosen Welten zerstören die Welt und wir haben doch nur diese eine! Ich habe lange genug, es euch zu erklären aber ich habe noch keinen von euch zuhören gesehen. ihr habt es nicht hören wollen. Vielleicht war ich auch zu leise gegen das Gemurmel und Geraschel eurer Mauern. Zu leise gegen eure Mauern. Es kann nur so sein, dass ich zu leise war, sie nicht durchkreuzen konnte. Wenn ihr mir nur zuhören würdet, würdet ihr erkennen, das es richtig ist.

Ja. Ich bin Pazifist, war es schon immer. Ein denkender Mensch muss die Konsequenzen ziehen. Es ist zu laut um euch. Es ist zu leise um die Wahrheit. Die Wahrheit wird nicht gehört. Aber in dem kurzen Moment der Stille, in den Momenten nach der Explosion, werdet ihr sie hören: ihr müsst tolerant sein!

Transzendenz

Ich überschreite mich
an der Grenze
zu dir

mache das Heterogene
eins

in unserem Schweiß

______

unter Einfluss von Das Imaginäre - Sartre

Meine Diaspora

meine diaspora in dir,
die heimkehren will
und den weg nicht weiß

meine nationalen angelegenheiten,
die rebellen, die re- und aktionäre,
die du nicht hörst

und deine
segregation von mir

Sherazad & Amgiad, so wie es ursprünglich gedacht war.

Die Maus bewegt sich, der Zeiger bewegt sich, ein Klick auf Kommentieren, ein Feld erscheint, das Tippen: Klacken von Fingern auf Tasten auf Tastatur:

Bist du nie auf die Idee gekommen, nachzufragen?! Zu fragen, warum diese halbe Stunde, was oder ob überhaupt mit Anna geht, ob liebe? Soviel Ehrlichkeit wärst du mir schuldig gewesen!

Matt Costa - Mr. Pitiful

written on: Zwischennotiz

in category: Sherazad & Amgiad

Das folgende ist der letzte Eintrag, den wir von Stephanie lesen können. Natürlich gibt es weit mehr, sind inzwischen doch schon wieder beinahe zwei Monate vergangen. Und auch diese Kurzgeschichte endet nicht mit diesem letzten Eintrag, schließlich bleibt immer noch die Frage nach dem Klick. Ich muss Euch aber vorwarnen: Stephanie wird sich in diesem Eintrag in ihren eigenen Worten dermaßen verheddern, dass es für uns (und natürlich nicht nur für uns) praktisch unlesbar wird. Unwichtig ist der Eintrag trotzdem nicht, genaugenommen ist er der einzig wichtige, die anderen nur Erklärung zu diesem einen hier.

Jedenfalls möchte ich eines anregen: bevor Ihr den unten stehenden Text lest, klickt auf einen der folgenden Links und lässt die Musik zu dem Text wirken - zeitgleich, versteht sich.

Matt Costa

Muse

Regina Spektor (wie anders wäre all das verlaufen, hätte Stephanie mehr hiervon gehört!)

Egal, auf welchen Link Ihr ‘klickt’, es ist eine jeweils andere Kurzgeschichte. Tatsächlich schließen die drei einander aus. Jetzt aber:

written on: 06. Juli 2009
in category: Werther

“Ossian hat in meinem Herzen Homer verdrängt” sagte Werther am 12. Oktober und jetzt haben wir Dezember und ich weine zum Werther, wie Werther zu Ossian weint, zu seiner eigenen Übersetzung! Lotte und Werther, Martin und Steffi, er ließt ihr vor, und ich würde so gerne dir vorlesen, dir meine Über-setzung des Werther vorlesen. Meine Über-setzung, ha! Ich weiß ja, dass der Realität nicht zu trauen ist, dass wir filtern, filtern, verzerren, verkehren, umlegen - die Wirklichkeit und uns…Na und?! Was hilft mir das?! Was hilft mir dieses Wissen! Ws hilft mir Wissen überhaupt?! Wissen! So ein verführerisches Wort - so eine verführerische Idee! Wissen: Eine Cover-up-story, damit wir glauben können, es gäbe irgendeine Sicherheit in dieser Welt, als gäbe es diese Welt! Wo es doch gleich daneben eine ganz andere gibt! Gleich daneben?! Was red ich da?! Gleich daneben…so ein Blödsinn: Gleich hier, gleich hier! Und hier gleich noch eine! Gleich hier schläft Martin mit Anna; gleich hier Albert und Lotte und gleich hier stehe ich daneben! Daneben! Was das schon wieder heissen soll - heissen! als ob es so etwas gäbe! - : hier, hier, gleich hier stehe ich! Wo denn auch sonst, wenn nicht hier? Dort drüben vielleicht?! Und wo steht Martin? Das ist ja eigentlich die eigentliche - hört ihr mich? die eigentliche, sag ich, wo ich doch weiß, dass es gerade das nicht gibt, nicht geben kann, das Eigentliche! - die eigentliche Frage. Wo steht Martin? Wo stehst du? Wo stehst du?!?!?!? Wenn du mich berührst, dann bist du da! Warst du da!! Diese Unsicherheit! Manchmal glaube ich, Anna zu riechen. Verstehst du? Anna! Anna, die am anderen Ende der Stadt steht, vielleicht sitzt sie auch, vielleicht liegt sie auch gerade bei jemanden, vielleicht liegt sie ja bei dir! Ich glaube, sie zu riechen, ich riege sie, rieche sie an dir! Verstehst du? Ich rieche sie an dir! Aber rieche ich sie wirklich an dir?! Und was heißt das? Sie an dir riechen? Wohnt ihr denn nicht zusammen?! Muss ich sie nicht an dir riechen?! Muss ich mir nicht mehr Sorgen machen, wenn ich sie nicht an dir rieche?! Ich weiß es nicht! So einfach! Ich weiß es nicht! Von wegen einfach! Nicht wissen! Das schlimmste überhaupt! Das schwerste Überhaupt. Versteht ihr? Mein Geliebter und meine Schwester ermorden einander! Meine Schwester, meine Schwester Armar, die ihren Pfeil auf meinen Geliebten spannt und mich führerlos auf dem Strom treiben lässt! Und dann springt sie mir nach, in den Fluss! Versteht ihr, Anna hat mich gestern angerufen! Sie hat mich gefragt, was denn los sei mit mir? Dass Martin sich Sorgen mache. Warum fragt er mich dann nicht selbst?! Anna, Schwester, Schwester Armar, bitte ertrinke nicht! Wäre es denn nicht meine Schuld?! Ertrinke nicht zwischen dir und mir. Zwischen mir und ihm. Zwischen ihm und dir. Ertrinke nicht! Ertränke nicht! Dich nicht, mein ich. Ertränke dich nicht!
Sagt mir: Schreib ich mir das alles in den Kopf? Sagt es mir, bitte sagt es mir, ich weiß es nicht! Goethe schreibt sich selbst. Schreibt er sich selbst? Erschreibt er sich? Erschreibe ich mich? Dieser Äquator hätte nicht kippen dürfen! Die Schulbücher hatten doch recht, diese Wirklichkeit - hörst du, WIRKLICHKEIT! - diese Wirklichkeit vor uns zu verstecken, Wissen daraus zu machen! Diese Flucht, wie recht unsere Lehrer hatten, zu fliehen, sich zu verkriechen in der Höhle, zu den Schatten an der Wand. Was macht er in dieser halben Stunde! Ich muss es wissen! Nicht wissen, nein, ich muss…seht ihr, sie haben uns sogar das Wort dafür gestohlen, damit wir nicht darüber sprechen können, damit wir nicht zwischen die Ritzen des Wissen spähen können, uns verbrennen, damit wir uns in unserer Wiege Wissen sicher wiegen, sicher wägen können. Aber als dieser Äquator gekippt ist, ist es aufgebrochen und hat mich durchgesogen. But now I cannot get back out! There’s no opting out of this! Und ich kann nicht wissen, nein, nicht wissen, sonder dieses andere, ich kann nicht wissen wo er steht! Wo stehst du?! Liebst - schon wieder so ein Wort, so eine Idee, die sie uns gegeben haben, um im Wissen zu bleiben! Hört ihr das? Liebst du mich? Hört ihr das?! Und wüsstet ihr, was das heißt? Sagt mir, wüsstet ihr es! - liebst du mich???


written by: Stefanie

Anni Hall - Minute 4:47

Ultralite Powered by Tumblr | Designed by:Doinwork